Das Autogene Training

Informationen aus der Naturheilpraxis von René Gräber

Bevor ich mich dem Autogenen Training zuwende, verliere ich einmal ein paar grundsätzliche Gedanken über das, was man da beim Autogenen Training „eigentlich“ macht. Wie es aussieht haben Autogenes Training, Meditation, Qi-gong, Tai-Chi, Selbsthypnose, Yoga, Gebet, Atemübungen, progressive Muskelentspannung und so weiter einiges und vieles gemeinsam. Grundsätzlich wird bei allen Formen und Übungen versucht, über geistig-seelische „Gleise“ Einfluss zu nehmen auf die Psyche und das psychologische Wohlbefinden – und dadurch nicht zuletzt auf die Gesundheit.

So lautet der Anspruch. Aber Anspruch und Wirklichkeit sind nicht immer miteinander zu vereinbaren. Und obwohl jeder, auch fast jeder Schulmediziner, dem Gedanken zustimmt, dass in einem gesunden Körper ein gesunder Geist wohnt, scheint der Umkehrschluss, dass ein gesunder Geist auch seinen Einfluss auf die Gesundheit des Körpers haben kann, nicht allgemein anerkannt zu sein. In der Welt der „evidenzbasierten Medizin“, die Krankheiten durch Operationen und Pillen (OP) heilt, hat der Gedanke, dass die oben erwähnten „alternativen“ Disziplinen heilende oder auch nur mildernde Effekte ausüben könnten, keine wirkliche Berechtigung. Denn es fehlt hier der „evidenzbasierte“ Beweis für die Wirksamkeit derselben – so glaubt man. Und da der medizinische Glaube gleichgesetzt wird mit „Wissen“, ist dieses Thema für diese Leute auch schnell vom Tisch. Dazu kommt noch, dass alle erwähnten Disziplinen ein riesiges Manko haben: Sollten sie wirklich einen Effekt haben – dann ist dieser nicht verschreibbar. Und dazu kommt noch, dass die dazu notwendigen Übungen nach und nach von den Patienten alleine zu Hause durchgeführt werden können. Die Übungen dieser Disziplinen wären damit eine Hilfe zur Selbsthilfe beziehungsweise eine Anleitung zur Selbstheilung beziehungsweise zur gesundheitlichen Prophylaxe. Daran verdient dann keiner was. Nur die Betroffenen haben den Vorteil, weniger häufig zum Arzt laufen zu müssen (wenn überhaupt) da sie schneller gesund beziehungsweise erst gar nicht krank werden.

Laut Albert Einstein ist Materie eine andere Form der Energie. Wenn dem so ist, dann ist unsere Psyche in irgend einer Weise mit unserer Physis verbunden und damit gibt es auch Wechselwirkungen. Aber diese Wechselwirkungen sind keine „Einbahnstraße“, wo der Verkehr nur von Physis in Richtung Psyche geht, wie zum Beispiel bei einer Krankheit, die einen negativen Einfluss auf das Wohlbefinden hat. Ein solcher Einfluss wird auch von kaum einem „Hardcore“-Anhänger der Schulmedizin geleugnet.

Aber beim Umkehrweg scheinen sich einige schwer zu tun. Kann die Psyche die körperlichen Bedingungen und Konditionen positiv/negativ beeinflussen? Und wenn ja, wie und in welchem Maße? Sind Autogenes Training, Meditation etc. dazu überhaupt geeignet? Oder brauchen wir Hirn-OPs und Psycho-Pillen der Pharmaindustrie, die unsere Psyche so konditionieren, dass der Körper auch davon profitiert?

Psychische Gene und genetische Psyche

Es gibt mehr und mehr Grund zu der Annahme, dass wir mit unseren Genen viel flexibler sind als bislang angenommen. Es stimmt, unsere Blutgruppen und Augenfarbe sind genetisch fixiert und begleiten uns ein Leben lang (Ausnahmen bestätigen die Regel). Aber was für Blutgruppe und Augenfarbe gilt, das muss nicht auch zwangsläufig für den Rest der Gene gelten. Gene sind flexibel; sie lassen sich ein und ausschalten und in ihren Aktivitäten modifizieren. Die Ansicht, dass wir genetisch in Stein gemeißelt sind, ist so modern wie die Annahme, dass die Erde eine Pizza sei.

Im Benson-Henry Institut, das dem Massachusetts General Hospital angeschlossen ist, gibt es eine Disziplin, die sich „Mind Body Medicine“ nennt. Man könnte dies mit „Geist Körper Medizin“ übersetzen. Auf jeden Fall scheinen wir hier schon weit weg zu sein von der allseits beliebten evidenzbasierten Schulmedizin. In diesem Institut ist man seit geraumer Zeit der Frage nachgegangen, welche Mechanismen hinter den Effekten der „meditativen Disziplinen“ stehen, speziell auf eine Entspannung, die man durch Meditation, Autogenes Training etc. ja erreichen möchte und auch kann. Oder handelt es sich hier doch nur um „Einbildung“?

Laut Angaben von Dr. Benson, dem Institutsleiter, ist Entspannung ein „physischer Status einer tiefen Ruhe, die die physischen und emotionalen Reaktionen auf Stress verändert“, was sich äußert in zum Beispiel einer Herabsetzung von Herzfrequenz, Blutdruck, Atemfrequenz und Muskelspannung. Die nach Außen messbaren „Symptome“ dieser Entspannungsreaktion sind:

  • Verlangsamung des Stoffwechsels
  • Das Herz schlägt langsam und die Muskulatur entspannt
  • Die Atmung ist kräftig aber langsam
  • Der Blutdruck ist im unteren Normbereich
  • Die Konzentrationen von Stickstoffmonoxid sind erhöht

Eine Studie von Mai 2013 (Relaxation Response Induces Temporal Transcriptome Changes in Energy Metabolism, Insulin Secretion and Inflammatory Pathways) setzte diese Arbeit fort und versuchte die grundlegenden molekularen Mechanismen zu klären, die zu den zuvor gesehenen Reaktionen geführt hatten. Diesmal wollten die Forscher wissen, ob sich ein Kurzzeiteffekt nach der Entspannungsübung einstellt. Dazu nahmen sie Probanden, die schon über Jahre Entspannungsübungen regelmäßig durchführten. Eine weitere Gruppe von Teilnehmern rekrutierte sich aus Anfängern, die vor und nach 8 Wochen Entspannungstraining untersucht wurden. Bei jedem Messtag wurde Blut vor, unmittelbar nach und 15 Minuten nach der Entspannungsübung abgenommen und ausgewertet. In diesem Fall bestand die „Entspannungsübung“ ausschließlich im Hören einer CD mit Entspannungsübungen oder entspannungsförderndem Inhalt.Somit schließen die Autoren, dass zum ersten Mal nachgewiesen werden konnte, dass eine Entspannungsreaktion (offensichtlich gleichgültig, durch welche Übung herbeigeführt), besonders nach längerer Übungspraxis, einen elementar positiven Einfluss auf das physiologische Geschehen im Organismus hat. Die Energieproduktion der Mitochondrien wird erhöht, die Energienutzung wird verbessert, was zu einer Stärkung der Mitochondrien führt. Die Autoren vermuten, dass die Stärkung und Funktionsverbesserung der Mitochondrien teilweise auch auf die Abnahme der Entzündungsbereitschaft zurückzuführen ist.

Meditation experience is associated with increased cortical thickness von Lazar et al. zeigte eine starke Verknüpfung von Dicke der Hirnrinde und Meditation. Teilnehmer mit einer langjährigen und intensiven Erfahrung mit Meditation zeigten in den Hirngegenden, die mit Aufmerksamkeit, Interozeption und der Verarbeitung von Sinneseindrücken verbunden sind, einen deutlich dickeren Aufbau als bei vergleichbaren Probanden ohne Erfahrung im Meditieren. Ältere Probanden mit Meditationserfahrung hatten ebenfalls eine dickere frontale Hirnrinde als nicht Meditierende, was die Autoren als eine Möglichkeit interpretierten, dass Meditation eine altersbedingte Abnahme der Hirnrinde verhindert. Damit scheint Meditation die Plastizität des Gehirns positiv zu beeinflussen.

Die Erfahrungen mit der Entspannungsreaktion scheinen darüber hinaus auch Effekte auf das Gehirn und seine Formbarkeit zu haben. Dies bezieht sich auf die Ausbildung von neuen Verbindungen von Neuronen zu Neuronen, besonders bei Stresssituationen. Diese Veränderungen finden auf der Basis einer internen „Rekalibrierung“ des Nervensystems statt – ohne Manipulation des gegebenen Zustandes, was bedeutet, dass Art und Stärke des Stresses gleich hoch sind.

Das Ergebnis zeigte, dass sowohl Kurz- als auch Langzeitübende signifikante Veränderungen der genetischen Ausprägung aufzuweisen hatten. Die Veränderungen bei den Langzeitübenden war deutlich ausgeprägter als bei den Kurzzeitübenden. Die Entspannungsreaktion zeigte, dass sie verbunden war mit einer Erhöhung der Aktivität der Gene, die in Verbindung stehen mit Energiestoffwechsel, Funktion der Mitochondrien, Insulinsekretion und Handling von Telomeren. Die Aktivitäten von Genen, die mit Entzündungsprozessen und Stressbewältigung assoziiert sind, zeigten sich als deutlich weniger aktiv. Nach Auswertung aller Daten sahen die Autoren, dass die ATP-Synthase in den Mitochondrien und Insulin signifikant erhöht waren. Die Genaktivitäten für NF-kB (ein Transkriptionsfaktor, der für die Auslösung von Entzündung wichtig ist), waren dagegen nur schwach ausgeprägt.

Eine „genetische Studie“ (Genomic Counter-Stress Changes Induced by the Relaxation Response), die im Institut an gesunden Probanden durchgeführt wurde, zeigte dazu bemerkenswerte Ergebnisse. Denn die Probanden, die Entspannungsübungen regelmäßig durchführten, zeigten eine Entspannungsreaktion, die die Aktivitäten von bestimmten Genen verändert hatte. Dies galt für Lang- und Kurzzeitübende gleichermaßen. Hier war dann auch eine signifikante Veränderung des zellulären Stoffwechsels, der oxidativen Phosphorylierung, der Erzeugung von freien Radikalen und der Reaktion auf oxidativen Stress zu sehen. Daher schlossen die Autoren, dass ein tägliches Üben dieser Entspannungstechniken einen Schutz vor Zellschädigungen darstellt, der sich besonders bei chronischem Stress nicht vermeiden lässt.

Welche Übung ist die Beste?

Ich glaube, dass ich keinen großen Fehler begehe, wenn ich annehme, dass alle Formen, die zu einer Entspannungsreaktion führen, in etwa vergleichbare oder sogar identische Resultate für den Organismus zeitigen. Von daher scheint es „relativ“ gleichgültig, ob ich Autogenes Training, Qi-gong, Meditation,  Yoga oder ähnliches übe.

Wichtig bei der Entscheidung, was ich machen möchte, ist, dass es mir Freude macht, dass ich mich damit identifizieren kann und dass es mir gut tut. Tai-Chi und Qi-gong zum Beispiel sind Entspannungsübungen, die in der Bewegung (langsam) ausgeführt werden. Autogenes Training und Meditation sind Übungen in Ruhe. Das Yoga lasse ich mal außen vor. Erstens gibt es mittlerweile derart viele Varianten, von denen einige Formen mit Entspannung wirklich nichts zu tun zu haben scheinen. Zweitens kenne ich mich bei Yoga nur sehr wenig aus.

Bei der Auswahl könnte also die  körperliche Verfassung mit entscheiden, ob der Übende in der Lage ist, Tai-Chi oder Qi-gong zum Beispiel üben zu können, obwohl die körperliche Belastung physiologisch kaum relevant ist. Aber eine wichtige Voraussetzung ist hier zum Beispiel, dass die Beine „funktionieren“. Für Menschen mit Problemen in diesem Bereich (Schwindel, Gangstörungen etc.) wären Übungen in Ruhe die bessere Alternative.

Ich persönlich favorisiere als Entspannungsverfahren allerdings eindeutig das Autogene Training.

Das Autogene Training

Im Vergleich zu Meditation, Tai-Chi und Qi-gong ist das Autogene Training eine junge Disziplin unter den Entspannungsübungen. Seine Wurzeln hat dieses System in der Hypnose und deren wissenschaftlichen Erforschung. Das Autogene Training sieht sich als ein „übendes Verfahren zur konzentrativen Selbstentspannung“. Und wie es das Wort „Übung“ vermuten lässt, ist hier die aktive Teilnahme des Patienten gefragt – ein fundamentaler Gegensatz zum einfachen schulmedizinischen „Pillenschlucken“. Diese Teilnahme ist gleichzeitig eine „erzieherische“ Maßnahme, eine Anleitung zur Selbstverantwortung der eigenen Gesundheit gegenüber.

Darum ist Autogenes Training geeignet zur Prävention, Psycho-Hygiene und als unterstützende Maßnahme bei der Behandlung in der Psychosomatik, Psychotherapie und Rehabilitation.

Eine kurze Einleitung zum Autogenen Training nach Schultz können Sie hier einsehen: Das Autogene Training nach J. H. Schultz: Wie wird es angewandt? In Wikipedia gibt es eine etwas ausführlichere Übersicht: Autogenes Training.

Der Entwickler des Autogenen Trainings, Johannes Heinrich Schultz, schuf den Begriff des „Konzentrativen“. Hierbei handelt es sich um das Phänomen der Selbstentspannung, was im Gegensatz steht zu Entspannungsreaktionen, die auf Fremdsuggestion beruhen. Für den positiven Einfluss auf den Organismus mag es gleichgültig sein, woher die Entspannungsreaktion rührt. Das Autogene Training hat es sich zur Aufgabe gesetzt, dass der Übende auf die Dauer sich selbst durch die Übungen diese Entspannungsreaktion bescheren kann, ohne dabei auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Und um dies zu gewährleisten, braucht der Übende diese konzentrative Vorgehensweise.

„Konzentrativ“ unterscheidet sich von „konzentriert“ durch den „Anspannungsfaktor“. Während man bei einer „Konzentration“ in einen geistig-seelischen Spannungszustand gerät, was dem gewünschten Ergebnis gegenläufig ist, handelt es sich bei einer „konzentrativen“ Übung um etwas ganz anderes. Hier übt man mit einer passiv-diffusen Wahrnehmungshaltung, bei der die Vorstellung von Gefühlen und Umwelteinflüssen nur vage, unkonkret sind. Die zu erwartende Ruhe wird hier also nicht erzwungen. Man lässt los, akzeptiert das Jetzt, anstatt es zu verändern und sich aufzureiben. Eine vergleichbare intuitive Technik gibt es auch beim Qi-gong, wo die Vorstellung, was im Körper passiert, wie der Qi-Fluss sich durch die Übung verändert, nur andeutungsweise und vage „erahnt“ werden darf, um Zwänge und Blockaden zu vermeiden. Hier wird dieser Vorgang „die Kraft der vagen Vorstellung“ genannt.

Wirkungsweise

In diesem Fall betrachten wir nicht den Einfluss der Entspannungsreaktion auf den Organismus, sondern den Schritt zuvor. Das heißt, es geht um die Prozesse, die zu einer Entspannungsreaktion führen, die dann die positiven organischen Konsequenzen zeitigt. Laut Autogenem Training treten Veränderungen in einer Reihe von Bereichen auf. Dies sind:

  • Im Bewusstsein: Eine rasch eintretende Bewusstseinssenkung und Wahrnehmungseinengung
  • Bei der Motorik: Eine tiefe muskuläre Entspannung
  • Bei den vegetativen Funktionen: Das Umschalten auf einen Ruhetonus bei der Atem- und Herzfrequenz, des Blutdrucks und der Bauchorgane
  • Bei Emotionen und Affekten: Eine psychische Ruhetönung und Angstabbau
  • Bei den Sinneswahrnehmungen: Eine Reduktion von Schmerzen und Erinnerung des Gedächtnisses
  • Eine erhöhte beziehungsweise verbesserte Suggestibilität

Ich hatte es bereits angedeutet: Autogenes Training und vergleichbare Systeme sind etwas fundamental anderes als „Pillenschlucken“. Beim letzteren verlässt sich der Patient auf die Richtigkeit der verschriebenen Arzneien, schluckt diese und erwartet passiv baldige Genesung. Die Verantwortung für die Gesundheit des Patienten liegt hier nahezu ausschließlich beim behandelnden Arzt. Der Eigenanteil an dieser Verantwortung wird günstigstenfalls vom Arzt mit meist hoffnungslos sinnlosen Ratschlägen hervorgehoben, wie „geben Sie das Rauchen auf“, „Sie müssen abnehmen“, „treiben Sie mal Sport“ und vieles mehr. Wie viele Patienten sich an diese Ratschläge halten, das ist auch bekannt.

Beim Autogenen Training dagegen geht nichts ohne die nachhaltige Bereitschaft seitens des Patienten. Diese Bereitschaft darf nicht limitiert sein darauf, mit dem Autogenen Training zu beginnen, sondern muss sich auch auf ein ständiges, regelmäßiges Üben erweitern. Einige wenige Male sind zwar besser als nichts, aber schießen komplett am Ziel vorbei. Wenn der Patient einen signifikanten Nutzen von den Übungen haben will, dann muss er in der Lage sein, durch diese Übungen eine Reihe von therapeutischen Zielen zu erreichen. Und dies sind:

  • Erholung und Entspannung
  • Selbstruhigstellung durch Resonanzdämpfung der Affekte, zum Beispiel durch Reduktion von Angst und Unruhe
  • Sensibilisierung der Körperwahrnehmung und Körpersignale
  • Selbstregulation sonst unwillkürlicher Körperfunktionen, zum Beispiel der Atmung, der peripheren Durchblutung, von Herz- und Kreislauffunktionen
  • Steigerung der Leistungsfähigkeit
  • Schmerzbeeinflussung
  • Selbstbestimmung (durch formelhafte Vorsatzbildung)
  • Selbstschau – Selbsterfahrung und Persönlichkeitsentwicklung, die vor allem in der Oberstufe des Autogenen Trainings vermittelt wird

Damit wird auch klar, dass das Erlernen und Praktizieren des Autogenen Trainings auch entsprechende äußere Begleitumstände erfordert. Zu Beginn ist es ratsam, die Anfänger 1 ½ Stunden pro Sitzung in das Autogene Training einzuführen und üben zu lassen. Optimal in Sachen Intensität ist natürlich eine „1-Mann/Frau-Gruppe“, aber Gruppen mit einer Stärke von bis zu 12 bis 15 Teilnehmern sind immer noch akzeptabel. Der Vorteil einer Gruppe besteht zudem in der Möglichkeit der Teilnehmer, sich auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen.

Weitere wichtige Anforderungen und günstige Übungsbedingungen sind folgende:

  • Eine ruhige und geräuscharme Umgebung (zumindest für die ersten „Übungseinheiten“)
  • Ein angenehm temperierter Raum
  • Bequeme Kleidung
  • Geschlossene Augen (aber nicht zwingend)
  • Bequeme Haltung während der Übungen mit geringer Muskelspannung. Hierzu bieten sich im Wesentlichen zwei Haltungen an: 1. Die liegende Position auf dem Rücken; 2. Die „Lehnstuhlhaltung“ (angelehntes Sitzen auf einem bequemen Stuhl); 3. Der Droschkenkutschersitz (spezifische Hockersitzhaltung bei einem Sitz ohne Armlehnen). Hier stehen die Füße gerade ausgerichtet nebeneinander. Die Kniegelenke bilden einen Winkel von 90 Grad und fallen leicht nach außen. Das Rumpfgewicht wird „fallengelassen“ ohne dabei die Brustwirbelsäule zu beugen. Die Unterarme liegen auf den Oberschenkeln.
  • Eine passive, akzeptierende Grundhaltung: Ein zeitweises Ausblenden von Gedanken, wo der Übende seine Gedanken kommen und gehen lässt und nicht zwanghaft unterdrückt. Und: Eine Distanzierung von äußerlichen, körperexternen Wahrnehmungen. Gerade dieser letzte Punkt ist aber ein zu erlernender Bestandteil.

Begonnen wird mit der Grundstufe des Autogenen Trainings. Danach folgt die Mittelstufe und die Oberstufe. Alle drei Stufen vermitteln spezifische Inhalte und bauen aufeinander auf.

Das Autogene Training ist heute fast seit 100 Jahren in der Anwendung. Und wie jedes wirksame medizinische System gibt es auch hier Indikationen und Kontraindikationen. Hier beides in Tabellenform:

Autogenes Training
Indikationen Kontraindikationen
Psychovegetative / psychosomatische Erkrankungen Endogene Psychosen
Herz-Kreislauf-Erkrankungen Ausgeprägte endogene Depressionen
Stoffwechselerkrankungen (z.B. Diabetes) Schwere Kern- und Zwangsneurosen
Erkrankungen des Bewegungsapparats Psychopathische Persönlichkeitsveränderungen
Erkrankungen des Urogenitalsystems Debilität
Hauterkrankungen Kardial dekompensierte Patienten
Krebs / Krebserkrankungen
Schmerzen
Zahnheilkunde (Schmerzreduktion)
Erkrankungen der Atemwege

Das Autogene Training gilt auch seitens der Krankenkassen als ein anerkanntes Heilverfahren und kann somit vom Therapeuten abgerechnet werden. Sowohl Einzelbehandlungen, als auch Gruppentherapien sind abrechenbar.

Autogenes Training in der Wissenschaft

Die in PubMed dokumentierten wissenschaftlichen Arbeiten zum Autogenen Training reichen bis auf das Jahr 1950 zurück. Insgesamt handelt es sich um über 1100 Arbeiten, die sich mit diesem Thema befassen. Im Folgenden möchte ich einige der neusten und interessantesten Arbeiten diskutieren.

Autogenes Training beim Reizdarmsyndrom

Quelle: Effect of autogenic training on general improvement in patients with irritable bowel syndrome: a randomized controlled trial.

Das Reizdarmsyndrom ist eine der häufigsten Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts. Die Ursachen sind nicht bekannt, so dass die Therapie mehr oder weniger in der Bekämpfung der Symptome besteht. Da als Ursache hier vor allem psychologische Faktoren diskutiert werden, bietet sich das Autogene Training als Heilverfahren beziehungsweise als Symptombekämpfer an.

Die japanischen Forscher untersuchten eine Gruppe von (leider nur) 21 Patienten mit Reizdarmsyndrom, die sie in zwei Untergruppen aufteilten. Gruppe 1 mit 11 Patienten erhielten ein intensives Autogenes Training, während Gruppe 2 als Kontrollgruppe Diskussionen über Essgewohnheiten und Lebensstil führte. Alle Teilnehmer beantworteten am Ende der Studienzeit einen Fragebogen mit Fragen nach dem Zurückgehen der spezifischen Symptome für das Reizdarmsyndrom und vier weitere Fragen zu Depressionen, Unruhe und allgemeinem Wohlbefinden.

Das Ergebnis zeigte, dass die Verumgruppe unter dem Autogenen Training eine deutliche Reduzierung der reizdarmspezifischen Symptome erfahren hatte. Bei den Fragen nach sozialen Funktionen und Schmerzen schnitten die Teilnehmer der ersten Gruppe ebenfalls deutlich besser ab als die Kontrollgruppe. Emotionales Wohlbefinden und allgemeines gesundheitliches Befinden zeigten dagegen keinen signifikanten Unterschied zwischen den beiden Gruppen, fielen aber tendenziell besser in der Verumgruppe aus.

Autogenes Training bei rheumatoider Arthritis

Quelle: Adjuvant auricular electroacupuncture and autogenic training in rheumatoid arthritis: a randomized controlled trial. Auricular acupuncture and autogenic training in rheumatoid arthritis.

Die rheumatoide Arthritis ist eine Gelenkerkrankung, die mit einer Entzündung einhergeht und schlimmstenfalls zur vollkommenen Zerstörung des betroffenen Gelenks führt. Die Schulmedizin therapiert diese Erkrankung mit anti-entzündlichen Medikamenten, die mit reichlich Nebenwirkungen „gesegnet“ sind, nicht zuletzt deshalb, weil die Behandlung sehr oft einen langen Zeitraum erfordert. Als Alternative bieten sich hier die Akupunktur und/oder Autogenes Training an.

Die vorliegende Arbeit kommt aus der Schmerzklinik Hannover, Abteilung für Anästhesiologie. Die Autoren hatten hier die Idee, beides einmal miteinander bezüglich der Wirksamkeit und Verträglichkeit zu vergleichen.

Insgesamt nahmen 44 Patienten teil, die in die bekannten zwei Gruppen aufgeteilt wurden: Verum- und Plazebogruppe. Zum Einsatz kam hier die Ohr-Akupunktur, die wie das Autogene Training einmal wöchentlich über den Zeitraum von 6 Wochen durchgeführt wurde. Ziel war zu ermitteln, wie sich die Intensität der Schmerzen veränderte und die Erstellung einer Aktivitätsskala für die Erkrankung. Ein untergeordnetes Ziel war festzustellen, wie sich der Schmerzmittelkonsum veränderte, der allgemeine klinische Eindruck der Patienten und die Bestimmung von entzündungsfördernden Zytokinen. Diese Eckdaten wurden auch noch bis zu 3 Monate nach Beendigung der Studie erhoben.

Resultat: Bei beiden Therapieformen zeigte sich am Studienende und nach Ablauf der erweiterten 3 Monate Beobachtungszeit bei allen erhobenen Daten eine signifikante Verbesserung von klinischer Bedeutung. Unterschiede gab es beim Einsetzen der positiven Effekte. Denn die ersten positiven Beobachtungen konnten bei der Akupunktur-Gruppe schon nach der zweiten Behandlungswoche ausgemacht werden. In der vierten Behandlungswoche gab es eine signifikant höhere Reduzierung der Schmerzsymptomatik in der Akupunktur-Gruppe. Am Ende der 6-wöchigen Beobachtungszeit hatte die Akupunktur-Gruppe ein signifikant besseres Therapieergebnis als die Gruppe mit Autogenem Training. Die Sedimentationsrate für Erythrozyten der Akupunktur-Gruppe war signifikant verringert (bei hohen Sedimentationsraten liegt in der Regel eine Entzündung vor) und die Serumkonzentrationen für den Tumor-Nekrose-Faktor waren im Vergleich zur AT-Gruppe signifikant erhöht.

Also schlossen die Autoren, dass Autogenes Training und Ohr-Akupunktur signifikante Kurz- und Langzeiteffekte bei der Behandlung einer rheumatoiden Arthritis haben. Die Therapieeffekte der Akupunktur waren aber deutlicher ausgeprägt als die des Autogenen Trainings.

Bei diesem Ergebnis bietet sich der Vorschlag an, Ohr-Akupunktur und Autogenes Training zusammen als Therapiekonzept für diese Patienten einzusetzen, zumal laut Studienprotokoll sowohl Autogenes Training als auch die Akupunktur nur einmal wöchentlich zur Anwendung kamen.

Autogenes Training gegen Prüfungsangst

Quelle: Biofeedback-assisted relaxation training to decrease test anxiety in nursing students.

Prüfungsangst ist das Einzige, wovor man in einer Prüfung Angst haben sollte. Denn sie hemmt klare Gedankengänge und verhindert, dass der Betroffene sein Wissen und seine Qualitäten hundertprozentig zeigen kann. Die Autoren dieser Studie haben Krankenschwesterschülerinnen als Teilnehmer gewonnen, mit denen sie zeigen wollten, dass Autogenes Training die Prüfungsangst nimmt und Prüfungsstress abbaut. Gemessen wurde der Grad der Prüfungsangst mit dem „Spielberger’s Test Anxiety Inventory“, einem Fragebogen, der von den Probanden ausgefüllt werden musste. Weiter wurden bei den angehenden Krankenschwestern Hauttemperatur, Puls und Atemfrequenz während des Trainings gemessen. Die Probanden erhielten ein Training in Zwerchfellatmung, progressiver Muskelentspannung und Autogenem Training.

Resultate: Es gab statistisch signifikante Veränderungen der Atemfrequenz und der Hauttemperatur während des Trainings für die Zwerchfellatmung. Ein vergleichbares Ergebnis wurde beim Training der progressiven Muskelentspannung verzeichnet. Beim Autogenen Training veränderten sich signifikant Atemfrequenz, Puls und Hauttemperatur. Die Auswertung des Anxiety-Fragebogens ergab keine Veränderungen nach Abschluss aller Trainingseinheiten.

Die Autoren schlossen hier, dass das Autogene Training die deutlichsten positiven Ergebnisse hat zeigen können, indem es bei den Teilnehmerinnen zu einem statistisch signifikanten Anstieg der Hauttemperatur führte und einem statistisch signifikanten Abfall von Atemfrequenz und Pulsrate.

Natürlich habe ich noch weitere Studien „geprüft“. Mehr dazu im Beitrag: Wofür ist Autogenes Training gut?

Fazit

Autogenes Training und andere Entspannungsübungen erfahren jüngst eine Bestätigung auf naturwissenschaftlicher Ebene, an die wohl niemand vor 20 Jahren gedacht hatte. Damit sollte die Unterstellung, dass es sich hier um Einbildung oder abnormale psychologische Phänomene handelt (der Glaube versetzt Berge), so langsam und sicher im Abfalleimer verschwinden. Die jüngsten Forschungen zeigen durch die Bank, wie effektiv die mentale und psychologische Einstellung auf den Organismus Einfluss nimmt. Die Veränderungen gehen sogar in Bereiche, die wir für lange Zeit als für nicht beeinflussbar gehalten hatten, wie zum Beispiel die Gene.

Entspannungsübungen mit hohem prophylaktischen und therapeutischen Wert erfordern nur den Willen des Übenden, die erforderlichen Übungen gewissenhaft und regelmäßig durchzuführen. Es sind keine Kosten verbunden, wenn man einmal von den Kosten eines Seminars absieht. Nach Absolvierung jedoch ist der Teilnehmer in der Lage (oder sollte es zumindest sein), selbstständig zu Hause seine Übungen zu absolvieren und so seine Prophylaxe (oder Therapie) durchzuführen. Dieses Konzept ist ein grundlegende anderes als das der Schulmedizin, bei der die medikamentöse Behandlung im Vordergrund steht. Für den Patienten sind die Tabletten drei-mal-eine am Tag bequemer als Übungen zu exerzieren. Die Frage ist nur, was ist effektiver – drei-mal-eins oder einmal üben.